ATR Nr. 80 vom 10.02.2006
Gut, wir befinden uns in einem islamischen Land, in
dem nach amtlichen Angaben 99 Prozent der Bewohner an
Allah und seinen Prophet Mohammed glauben. Aber muss
ich als europäischer Christ, während meines
zeitlich begrenzten Aufenthaltes in der Türkei,
auf die Ausübung meines Glaubens verzichten?
Darüber wollte ich mir ein eigenes Bild machen
und begab mich auf die Suche. Zumindest was die Region
von Antalya bis Alanya betrifft, steht mein Ergebnis
fest. Wo viele Europäer sind, gibt es auch Kirchen
oder Kapellen - oder zumindest christliche Veranstaltungen.
Aus dem Terminkalender der ATR wusste ich, dass es Gottesdienste
in Ankara, Istanbul, Antalya, Belek und (natürlich)
in der Deutschen-Hochburg Alanya gibt.
In Alanya, einem Ort, der in den Sommermonaten von Nicht-Moslems
nahezu überflutet wird, dürfen natürlich
christliche Ange-bote nicht fehlen. Also gibt es hier
- und nicht nur im Sommer - auch christliche Gottesdienste.
Pastor Plasse predigt jeden zweiten und vierten Sonntag
pro Monat im Kulturzentrum Alanya in seiner Heimatsprache
Deutsch.
An einem dieser Sonntage machte ich mich früh per
Dolmu auf den Weg nach Alanya. Dank der Vorabinfor-mationen
meiner Gastgeber bereitete es mir keine großen
Probleme das Kulturzentrum in Alanya zu finden.
Pastor Plasses Gemeinde war klein, aber bunt ge-mischt:
Urlauber, wie Hilde aus Brandenburg, Durchreisende,
wie Christian, der weiter Osten wollte, oder einfach
hier Lebende, die jeden zweiten Sonntag Stammgäste
im Kulturzentrum waren. Ich allerdings, war die einzige,
die das Durchschnittsalter erheblich senkte, denn der
Rest der Gläubigen gehörte schon einige Jahrzehnte
zur Schöpfung Gottes.
Begrüßt wurden wir mit klassischem Glockengeläute,
ge-folgt von einem Orgelspiel, gut simuliert von einem
Keyboard. Dann trat der Pastor vor die Gemeinde. Uns
Christen gut bekannte Lieder wurden gemeinsam gesungen.
Es wurde gebetet und zum Abschluss empfingen wir den
Segen für die kommende Woche.
Eigentlich nichts Außerge-wöhnliches - ein
Gottesdienst wie ich ihn von zu Hause kenne, nur eben
für evangelische und katholische Christen gleichermaßen
passend. 3000 Kilometer von zu Hause und im Umfeld von
Menschen, die seit ihrer Geburt einem anderen Glauben
mehr zugetan sind, fällt Ökomene leicht.
Aber einen klassischen Gottesdienst beendet man - zumindest
in der Ferne - nicht mit Amen und Schlusslied. Nein
man nutzt die Gelegenheit zu einem gemeinsamen Plausch
oder einer Tasse Kaffee. So verließ die kleine
Patchwork-Gemeinde das Kulturzentrum, um sich auf den
Weg zu einem überdachten, edlen Café mit
Meerblick zu begeben. Begleitet wurden wir vom melodischen
Gesang des Muezzin, der die moslemischen Glaubenskollegen
gerade zu ihrer Gebetspflicht rief. Das machte deutlich,
wie nahe sich im Grunde die beiden monotheistischen
Religionen Christentum und Islam waren.
Beim gemeinsamen Plausch kam ich ins Gespräch mit
Christian, einem Globetrotter der philosophischen Art.
Er war unterwegs, um die osmanischen, islamischen und
natürlich christlichen Ursprüngen zu entdecken
und zu begreifen. Leider hatte er etwas getrödelt,
wie er sagte, denn er wollte schon längst über
alle Berge Richtung Palästina sein. Nichtsdestotrotz
genoss er das nette Beisammensein und erzählte
von seinen Erlebnissen rund um das Mittelmeer.
Wenn Christen auf der großen, weiten Welt im Namen
ihres Gottes zusammen kommen wollen, findet sich meist
ein Weg - das habe ich an diesem Sonntag wieder einmal
erleben dürfen.
Leider gibt es auf dieser Welt immer noch viele Orte,
an denen Christen ihren Glauben nicht offen und frei
ausleben dürfen. Die Türkei aber gehört
zum Glück nicht dazu!